Jessenitz (Meckl)

ehemaliger Bahnhof in Mecklenburg
 
Strecke:   Lübteen - Malliß    in km 2,1    
 
 
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Kursbuchtabelle 1937/38:
 
 
Ansichtskarten (Quelle: Internet)

 
 
Jessenitz liegt etwas abgelegen südöstlich von Lübtheen. Die waldreiche Gegend wurde bereits zu Kriegszeiten für militärische Standorte genutzt und auch noch zu Friedenszeiten.
Der Ort selbst ist gut 2 km vom ehemaligen Bahnhof entfernt, der am Rande der Siedlung Jessenitz Werk liegt. In Jessenitz wurde früher im Bergwerk Kalisalz untertage abgebaut. Die erste Suchbohrung erfolgte bereits 1882. 1886 wurde nach weiteren erfolgreichen Bohrungen der Ansatzpukt für den ersten Schacht gefunden. Dort wurde der Schacht errichtet. Am 18. Oktober 1900 fand die Schachttaufe in Anwesenheit des Regenten Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg-Schwerin statt.
Der Bau und spätere Abbau gestalteten sich wegen des starken Laugenflusses von mehr als 40 m3/min als ziemlich schwierig. Nachdem der Schacht bereits 1890 das erste Mal "ersoff", wurde der Schacht mit einer anderen Methode weitergebaut und auf fast 700 m vertieft. 1912 gab es donnerartige Schläge im Gebirge verbunden mit einem Knistern. Das bedeutete den Zufluss von großen Mengen Grundwasser, sodass die gesamte Grube innerhalb weniger Stunden ersoff. Im Schacht stieg der Wasserspiegel bis auf eine Tiefe von 38 Metern. Die Förderfähigkeit war somit nicht mehr vorhanden. Schließlich untersagte das Bergamt den Weiterbetrieb, und so war der Bergbau beendet.
Weitere interessante Einzelheiten zur Geschichte des Kalibergbaues gibt es hier.
Interssante Bilder aus Jessenitz gibt es über den Link am Ende der Seite.
 
Aus der Geschichte des Bahnhofs
 
Am 29.12.1889 wurde die Strecke Lübtheen - Malliß eröffnet. Damit erhielt auch das entfernt liegende Dorf Jessenitz seinen Bahnanschluss, der aber für die damals schon im Bau befindlichen Mecklenburgischen Kalisalz-Werke viel wichtiger war, die sich unmittelbar westlich des Stationsgeländes befanden.
 
Alle folgenden Bilder sind Archivmaterial im Landeshauptarchiv in Schwerin.
 
Einer der ersten Lagepläne (1890), auf dem bereits das Gleis 3 als bereits wieder abgebaut eingetragen ist. Er diente als Grundlage für weitere Planungszeichnungen, so auch hier:
Es wurden zwei Gleisverlängerungen und eine Überladebühne für Kohlen eingetragen. Das obere Gleis wurde so aber nicht gebaut, wie man auf dem unten folgenden Plan erkennt.
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1893 vereinbarten die Kalisalz-Werke mit der Eisenbahn, dass der noch vorhandene Rest des Gleises 3 um 36 Meter zu verlängern und so zu verschwenken sei, dass der Abstand zwischen Gleismitte und dem Schacht mindestens 15 m betragen sollte. Das Kohlengleis wurde inzwischen anscheinend schon gebaut und die Kohlenrampe ist nicht mehr eingetragen.
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Aus dem selben Jahr stammt die Planung eines Stallgebäudes für die Bewohner des Empfangsgebäudes. Der ursprünglich geplante Standort (rot) schräg zum Empfangsgebäude wurde dann parallel dazu verlegt (blau) und dort auch so gebaut. Es ist heute noch vorhanden (siehe Foto weiter unten).
Man beachte die über dem Bahnwohnhaus auf dem Werkgelände eingezeichnete Kegelbahn!
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Ein Plan von 1895 zeigt eine andere Lage des Kohlegleises, analog dem obersten Lageplan. Es endete bisher vor dem Kesselhaus und sollte nun bis an den Weg verlängert werden.
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1901 wurde Umbauarbeiten für eine Vergrößerung des Bahnhofs geplant.
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Ebenfalls wurde im Jahr 1901 die Verlegung des Weges am Bahnhof mit einer neuen Anbindung der Ladestraße geplant und auch so ausgeführt, denn so sieht es dort bis heute noch aus.
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Von 1902 stammt eine Blaupause für die Vergrößerung des Empfangsgebäudes.
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Innerhalb des Bahnhofs gab es in km 2,3 eine Unterführung, deren Eingänge 1902 mit einer Überdachung ergänzt werden sollten.
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1906 plante man die Verlängerung des Gleises 6 vom vorhandenen Anschlussgleis ausgehend bis zum Wegübergang und den Bau eines kurzen Ausziehgleises, das die Gleisnummer 11 erhielt.
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1907 begannen die geplanten Umbauarbeiten. Der folgende Plan zeigt den Endzustand dazu:
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Lagepläne von 1927 und 1931 zeigen, dass viele Gleisanlagen nach der Schließung des Bergwerkes abgebaut wurden. Das Fabrikgelände wurde anscheinend auch beräumt, nur die Chemiefabrik stand noch.

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1933 plante man den Bau einer Milchverladerampe.
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1937 gab es eine Planung zum Bau eines rund 690 Meter langen Anschlussgleises des Marinezeugamtes in Richtung Malliß, abgehend vom bereits bestehenden Anschluss im Bahnhof mit drei Gleisen und dem Gleis zum Marinezeugamt. Der Privatanschluss entstand 1937, jedoch erst einmal nur mit einem Gleis.
Zur selben Zeit scheint auch das Feldbahngleis zwischen Bahnhof und dem Marinezeugamt entstanden zu sein, die auf dem letzen Lageplan dieser Seite eingetragen ist.
Die Anschlussweiche sollte in km 4,7 sein. Jedoch tat sich bis 1941 nichts.
 
In einem Schreiben vom 17. November 1937 des Betriebsamtes 2 in Ludwigslust an die Reichsbahndirektion Schwerin heißt es: "Es gehen seitdem nicht nur Ladungen für die Bauabteilung, sondern auch täglich 1 Wagen Munition für das Marinezeugamt in Jessenitz ein. Mit Rücksicht auf die Explosionsgefahr halte ich die Schaffung einer einwandfreien Rechtslage für erforderlich. Es kommt vor, daß der Wagen abends oder Sonnabends Nachmittags eintrifft und dann 1 Nacht bezw noch länger auf dem Gleis unentladen stehen bleibt. Der Rb.Ass. Bülow auf Bahnhof Jessenitz hatte daher zunächst mit dem Vertreter des Zeugamtes vereinbart, daß mit der Bereitstellung der eintreffenden Munitionsladung an der behelfsmäßig hergestellten Entladerampe die Ladung als übergeben gilt und damit das Zeugamt für die Bewachung der Ladung zu sorgen hat. Die Einfriedung des Platzes ist noch nicht vollzogen, so daß der Wagen frei dasteht. Ich bitte um Prüfung, ob diese mündliche Abmachung als genügend angesehen wird oder ob es zweckmäßig ist, bereits jetzt einen Vertrag mit dem Marinezeugamt Kiel als zukünftigen Inhaber des Gleisanschlusses abzuschließen, obwohl die gesamte Gleisanschlussanlage noch nicht fertiggestellt ist." Das bisherige Verfahren wurde so anerkannt.
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1938 war der Bau eines kurzen Anschlussgleises zum immer noch vorhandenen Chemiewerk Droese & Fischer herzustellen. Bisher wurde der nach 1933 entstandene Privatanschluss des Marinezeugamtes mitbenutzt. Es deutete sich edoch an, dass das Militär Anspruch auf das Fabrikgelände erhob und die Fabrik somit geschlossen werden müsste. Dem vorhandenen Aktenbestand ist zu entnehmen, dass die Übernahme des Geländes für das Ende das Jahresende geplant wurde.
Somit verzichtete man auf den Bau und die Firma bat darum, weiterhin den Privatanschluss mitbenutzen zu dürfen, was ihr auch gestattet wurde.
 
Ein Lageplan von 1939 zeigt den Umfang des Privatanschlusses des Marinezeugamtes.
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noch einmal aufgeteilt für eine deutlichere Ansicht:
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1941 sollte nun endlich die Anschlussbahn erweitert werden. Das geplante lange Gleis sollte ersteinmal 100 bis 200 m lang sein, um ankommende Wagen dort aufzustellen und entladen zu können, obwohl dort keine Zufahrtmöglichkeiten vorhanden sind.
In einem Schreiben der Marine an die Rbd Schwerin vom 20. März 1941 heißt es dazu: "Die [bauausführenden; Anm. des Autors] Firmen sind gezwungen die Waggons auf Bahnhof Jessenitz auf die Schmalspur umzuladen und die Geräte etwa 2,5 km wieder zurückzuschaffen. Auf dem Bahnhof Jessenitz einschließlich dem bereits fertiggestellten Anschlußgleis der Anlage Jessenitz herrscht bereits jetzt ein derartiger Ladebetrieb, daß es fast völlig unmöglich ist, noch die Geräte der Firmen dort auszuladen." Für eine baldige Antwort der Rbd wäre man dankbar. Es standen auch genügend Firmen zur Bauausführung zur Verfügung. Ob und in welchem Umfang dann gebaut wurde, geht aus den Akten leider nicht hervor.
 
1942 wurde eine Erweiterung des Güterschuppens am Empfangsgebäude geplant. Dazu folgender Schriftverkehr:
 
 
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hier ein deutlicherer Ausschnitt von der Raumaufteilung im Erdgeschoss:
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Seit Ende des zweiten Weltrieges wurden weiterhin größere Mengen "Siegesgut" für die Sowjetunion verladen.
Zum 01.07.1946 wurde der Bahnhof in eine Agentur umgewandelt. Der Personalbedarf wurde dadurch auf 1,058 festgesetzt, also ein Agent, der jedoch nicht vorhanden war, außer Herrn Z. [Klarname steht in der Akte, wird hier aber auf Grund der Anonymität nicht genannt], der bis 1945 Mitglied der NSDAP war, wie sicher tausende Eisenbahner deutschlandweit. Herr Z. würde den Posten übernehmen und stellte einen entsprechenden Antrag an die Rbd. Dort hielt man ihn erst einmal für geeignet, denn Herr Z. beantragte auch die "Bereinigung" (Entnazifizierung). Auf Vorschlag des Reichsbahnamtes (Rba) sollte er eingesetzt werden. Inzwischen hatte vermutlich der Parteisekretär des Rba, der ja mehr Macht hatte als der Amtsvorstand, davon erfahren und seine Macht gezeigt, denn am 04.10. teilte das Rba Herrn Z. mit, dass er wegen seiner Vergangenheit nicht als Agent für Jessenitz übernommen wird. Er durfte aber bis zum Ende der Verladetätigkeiten der Sowjetarmee als Hilfskraft eingesetzt werden.
bemängelt wurde außerdem, dass er die erforderlichen Kenntnisse im Verkehrsdienst bei der Eisenbahn nicht ausreichend beherrschte.
 
Zum 1. Januar 1947 übernahm Herr Albert Röske von der Bahnmeisterei Blankenberg die Agentur Jessenitz. Er besaß die entsprechenden Kenntnisse. Für seinen Umzug wurde ihm frachtfrei ein gedeckter Güterwagen zur Verfügung gestellt. Er siedelte bereits am 27. Dezember 1946 um und bezog vorübergehend ein Zimmer der Wohnung des Weichenwärters Preis im Empfangsgebäude des Bahnhofs und durfte dessen Küche mitbenutzen. Im Empfangsgebäude wohnte auch der Streckenläufer Lock. Nachdem dieser auszog, sollte Herr Röske dessen Wohnung bekommen.
 

 
Nachdem alles "Siegesgut" abtransportiert war, wurde die Strecke vermutlich abgerissen und das Oberbaumaterial auch gleich noch mitgenommen. Somit endete vermutlich die Geschichte des ehemaligen Bahnhofs Jessenitz und der Strecke Lübtheen - Malliß.
 
Abschließend noch der vermutlich letzte Lageplan des Bahnhofs Jessenitz:
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2023
Gleisseite des ehemaligen Empfangsgebäudes; Die Sanierungsarbeiten sind noch nicht abgeschlossen.
 
Nach rechts abgehend begann hier die Strecke nach Malliß.
 
Wie in Eldena sind an dem Gebäude Fensternischen gebaut worden, ohne dass jemals Fenster eingebaut wurden. So sieht die fensterlose Seite nicht trostlos aus.
 
Straßenseite
 
Neben dem einstigen Empfangsgebäude steht dieses ehemalige Nebengebäude, in dem wohl auch die Aborte waren.
 
Dieses ehemalige Bahnwohnhaus steht ebenfalls in unmittelbarer Nähe zum Empfangsgebäude.
 
externe Bilder:
 
 
 

 
     
 
 
© 31.03.2026